Das kanns ja nicht sein

May 12, 2012 13:31 · 631 words · 3 minute read ich depp menschen schlimm unterwegs

Donnerstag. Frankfurt. Auf dem Weg nach Hause. Friedrich Ebert Anlage. Dreispurig.

Ich möchte von links in die Mitte wechseln, und mache einen Schulterblick. Beschleunige dabei von der Ampel weg. Habe die rechten beiden Spuren und den Verkehr hinter mir im Blick - und als ich nach vorne schaue steh meine Spur. Ah. Vollbremsung - zu spät. Ich knutsche den bulgarischen Fort Transit. Die Bulgaren steigen aus, sprechen kein Wort Deutsch, geben sich mit viel zu viel Geld zufrieden, und ziehen wieder ab. (Hätte doch öfter mal “Polizei” sagen sollen um den Preis zu drücken … obwohl ich klar Schuld war. Supi.)

Ich sehe allerdings etwas zerknautschter aus.

Also ADAC angerufen. Abschleppwagen kam. Supernetter Kerl, total fröhlich, hilfsbereit, lusitg - und 15 Minuten vor Dienstschluss. Und er meinte ich solle wohl lieber nicht mehr so fahren. Ei kein Thema, er schleppt mich einfach ab. Nach Darmstadt. Zur Werkstatt. Wie gesagt - 15 Minuten vor seinem Dienstschluss. Und unterwegs unterhielten wir uns ein bissl.

Dabei erfährt man, dass er umgerechnet einen Stundenlohn von ca. 6 EUR hat - und am Ende vom Monat nicht mal ne zwei vorne. Dafür allerdings wenns ruhig ist 250h, wenns ein voller Monat ist auch durchaus mal 300h. Das sind 75h/Woche, grob überschlagen. Also über 10h/Tag, bei einer 7-Tage-Woche. Grob überschlagen.

Wow.

Außerdem hatte er letztes Jahr einen Achillessehnenriss … kennt man ja: Karre bleibt liegen, steht aber etwas ungünstig zum Schleppen. Also mal eben ein bissl schieben. 1,8t - bergauf. Knall (“Das war das Schlimmste - der Knall!”), Fuß geht nicht mehr, Ende. Noch den Schlepper zurückgefahren (war linker Fuß und Schlepper hatte Automatik), und dann mit Krankenautochen ins Krankenhäuschen.

Dort untersuchte man die Sehne und stellte fest - die war schon irgendwie … “geschwächt”. “Wäre also ohnehin irgendwann gerissen”. Ergo - und jetzt bitte festhalten - kein Arbeitsunfall! Innerhalb einer Minute von BG auf Kasse. Innerhalb einer Minute von geschätztem Patienten zum Störfaktor. Schmerzmittel, Behandlungen - plötzlich vieles nicht mehr abgedeckt von der Kasse.

Krass.

Und dann noch am Ende - er fuhr mich zur Werkstatt. Die liegt aber ein bissl außerhalb. Dann meinte er, wenn er keinen Umweg fahren müsste, dann könne er mich noch mitnehmen nach Hause. Aber wirklich nur ganz ohne Umweg - denn das Auto kommuniziert ständig mit der Zentrale, und die weiß genau wo er ist. Auch wenn er die Bühne bedient sieht man das. Und Versicherung, Transport etc. ist alles nur geregelt von Unfallstelle zum ersten Ziel, normalerweise der Werkstatt. Und wenn er dann noch jemanden mit nach Hause nimmt, dann ist das gegen die Regeln. Und es kann sein, dass noch während er das erste mal falsch abbiegt sein Telefon klingelt, und der Dispatcher etwas unwirsch fragt: “Was zum Teufel treibst du denn da?”

Und um dem ganzen noch die Krone aufzusetzen klingelte sein Telefon nach dem Absetzen. Sein Sohn. “Gehst du ins Bett mein Schatz? … Ja, dachte ich mir. Du ich schaffs heute wieder nicht. Aber ich schau nachher nochmal bei dir rein. Ok?” Und ich sitze daneben und fühle mich nicht soo wohl.

Das kanns doch nicht sein. Krass viel Arbeit für fast gar keinen Lohn. Und bei einem Arbeitsunfall - und das ist das für mich: im Dienst, Sehne ganz, man schiebt Auto, Sehne kaputt, immer noch im Dienst … das ist  in meinen Augen die Definition eines Arbeitsunfalls! - wird mann fallengelassen wie eine heiße Kartoffel. Nicht mal “okay, ist beschissen bezahlt, aber man kümmert sich um die seinen”, sondern viel mehr “ok, ist beschissen bezahlt, dafür stehe ich auch alleine da wenn was passiert”. Und zuguterletzt muss man seine Mitfahrer noch behandeln wie Kartons - abliefern, abstellen, sorry, darf nicht, der Bus fährt da vorne in 45 Minuten ins nächste Dorf, machen Sie’s gut, viel Spaß.

Das. Kanns. Doch. Nicht. Sein.